Wenn es einen Begriff gibt, der meine phantastischen acht Wochen bei der Boston Consulting Group treffend beschreiben kann, dann ist es "Kontraste".
An erster Stelle stehen hier die umwerfenden Kontraste der Fälle, zu denen ich beitragen durfte. Mein VA-Ship begann mit einem Sprung zwischen die Stromschnellen: Nur drei Wochen Zeit, um für einen der erfolgreichsten deutschen Private-Equity-Manager sein jüngstes Target strategisch zu durchleuchten. Mich faszinierte daran vor allem die strategische Perspektive – nur das Wesentliche zählte, und doch scheute sich keiner, wo nötig, bis tief in die Details zu gehen. In drei rasanten Etappen erfassten wir Aufstellung, Wettbewerbsumfeld und strategische Optionen für einen hochspezialisierten Industriedienstleister. Darauf sah es für einen kurzen Moment so aus, als würde ich anschließend nicht weit fortmüssen und mit dem nächsten Fall von München nach Wien gehen. Das Gegenteil traf ein. Am Mittwoch kam die E-Mail: "... nach Dubai ... am Montag."
Der neue Fall war nicht minder faszinierend: Eine Bank, die nach den Gesetzen des Korans ihr Geld verdient – keine Zinsen, keine Spekulation, aber natürlich eine Bilanz, ein Controlling und ein Meer an Zahlungsströmen, die es zu verstehen galt. Das alles inmitten der glitzernden Skyline von Dubai, zu deren Füßen man bei 50 Grad Celsius einem der führenden Wirtschaftszentren der Region beim Wachsen zusehen konnte. Irgendwo zwischen Drivertrees und Marktaussichten wurde mir die zweite krasse Form von Kontrasten bei BCG bewusst – der farbenfrohe Mix von Backgrounds, Ausbildungen und Individuen. So zum Beispiel der promovierte Spezialist für Telekommunikation, der mit einem Absolventen in Philosophy & Economics über den Zusammenhang von Wirtschaftswachstum und Bankenmarkt diskutiert. Nebenan sprechen ein Deutscher, ein Malaysier und eine Indonesierin über die Eigenheiten arabischer Führungsstile. Die kulturelle und akademische Vielfalt der Teams, in denen ich arbeiten durfte, machte die täglichen Gespräche lehrreicher und unterhaltsamer als jeden Kinobesuch. Es gab ständig etwas Lustiges oder Spannendes zu entdecken an Dingen, die dem anderen seit Jahren selbstverständlich waren.
Es mag abgedroschen klingen, aber die Arbeit an den Projekten machte wirklich einfach Spaß. Es war unglaublich zu sehen, wie sich unter Anleitung meines Managers aus den vielen kleinen Rechnungen und Tools, die ich im Studium aufgenommen hatte, solide Analysen schmieden ließen, auf deren Grundlage mitunter weitreichende Business-Entscheidungen diskutiert werden sollten. Immer wieder halfen die Teamkollegen und ich uns gegenseitig bei Herangehensweisen an Probleme aus. Oder wir nahmen uns einfach die Zeit, um zusammen laut über die Zusammenhänge des Falls nachzudenken. Besonders in meinem ersten Projekt erstaunte mich immer wieder, wie wir mit einem kurzen Anruf von einem BCG-Spezialisten zum nächsten kamen, um kurz darauf schwer bepackt mit validierten Thesen und neuen Ideen zurückzukehren.
Hierin lag womöglich der bedeutendste Kontrast, den ich bei BCG erleben durfte: sei es der um Jahrzehnte erfahrenere Manager, der den blutjungen VA interessiert fragt, wie dieser die Aussagekraft einer bestimmten internen Rechnungslegung einschätzen würde, oder der lockere Gesprächspartner am Mittag, der sich etwas später als legendärer Senior-Partner herausstellt. Es schien einfach nirgendwo jemanden zu geben, der nicht auf Anhieb verstand, wovon man sprach, und der nicht ganz selbstverständlich das Gleiche von seinem Gegenüber erwartete. Und dennoch war neben dieser intensiven Atmosphäre der Professionalität jeder ein entspannter und humorvoller Diskussionspartner, der offenbar um nichts in der Welt die Augenhöhe mit einem selbst hätte verlassen wollen. "The true power of BCG …", wie mein Projektleiter es nannte. Ich glaube nicht, dass er übertrieben hat.